Die Great Lakes angenehm bereisen: Mit der Fähre über den Michigan-See

Abfahrt aus Milwaukee mit Blick auf die Skyline

Großstädte, Strandorte, Dünen, Wälder, Weingebiete: Viele erfüllen sich den Traum, die Region der Großen Seen mit dem Mietwagen zu erkunden. Wer etwas Besonderes erleben will, genießt den Michigan-See vom Wasser aus – und nimmt das Auto dabei noch mit. Mit dem „Lake Express“- Katamaran geht es von Milwaukee in Wisconsin nach Muskegon in Michigan.

von Andrea Bonder

Der Michigan-See ist das fünftgrößte Binnengewässer der Welt. Mit rund 58.000 Quadratkilometern Fläche ist er etwas so groß wie Kroatien. Er ist einer der Großen Seen im Mittleren Westen der USA, eingerahmt von den Bundesstaaten Wisconsin und Illinois im Westen, Indiana im Süden und Michigan im Norden und Westen. Für die Umrundung auf der „Lake Michigan Circle Tour“ ist man 1.800 Kilometer unterwegs. Wer einen relaxten Shortcut will, nimmt den „Lake Express“.

Los geht es in Bay View, wenige Autokilometer südlich von der Innenstadt von Milwaukee. Den südlichsten Zipfel des Hafengebietes teilt sich die US-Küstenwache mit dem Fähranleger. Wer das Auto mit an Bord nimmt, checkt draußen ein und reiht sich in die wartenden Fahrzeuge ein. Alle anderen stellen ihr Fahrzeug auf dem großen Parkplatz ab und checken im modernen, verglasten Fährterminal ein.

Terminal in Milwaukee © Andrea Bonder

Und schon ist der „Lake Express“ zum Einsteigen bereit. Der Katamaran ist eine „Ro-Ro-Fähre“, man fährt vorwärts durch das Heck aufs Autodeck und ebenfalls vorwärts durch den Bug wieder hinaus. Alles läuft wie ein Uhrwerk. Ein junger Mann winkt ein Fahrzeug nach dem nächsten auf die Fähre: Zuerst die Fahrräder und Motorräder, dann die kleineren Autos, zuletzt die größeren. So passen 46 Autos und 12 Motorräder aufs Autodeck. Die Motorradplätze sind besonders begehrt; Harley-Davidson hat seinen Hauptsitz und sein großartiges Museum in Milwaukee, das ist ein Anziehungspunkt und lockt viele Biker von nah und fern.

Lake Express © Andrea Bonder

Währenddessen steigen die Passagiere am Seiteneingang ein. Die Treppe hinauf geht es aufs Oberdeck mit 248 Sitzplätzen. Am Kiosk gibt’s Snacks, Sandwiches, Wraps, Muffins und Pizza, auf der Getränkekarte stehen neben Softdrinks, Kaffee und Tee auch Weine, lokale Craft-Biere und Cocktails. In einem Nebenraum ist die Premiumkabine. Es ist ruhig (Teppichboden!), jeder der 48 Sitze ist an einem Tisch, an dem später das Essen serviert wird. Durch die Tür gelangt man auf das kleine Achterdeck und die Treppe hinauf auf das Sonnendeck. Von hier hat man beim gemütlichen Auslaufen einen schönen Blick auf die Skyline von Milwaukee.

Doch kaum hat der Katamaran das geschützte Hafenbecken verlassen, macht die „High Speed Ferry“ ihrem Namen „Lake Express“ alle Ehre. Der Kapitän gibt Vollgas, und in kurzer Zeit hat das Schiff seine Höchstgeschwindigkeit von 34 Knoten erreicht, das sind über 60 Kilometer pro Stunde. Die Passagiere greifen sofort zu Hut und Brille und ziehen sich flugs auf das windgeschützte Achterdeck zurück. Hier kann man sich schön den Wind um die Nase wehen lassen und sieht die Küste von Wisconsin am Horizont verschwinden. Schon bald ist man umgeben von Wasser. Der Michigan-See ist so breit, dass man das andere Ufer nicht sehen kann. Von Milwaukee nach Muskegon sind es 140 Kilometer. Da die Fähre auf offener See die Geschwindigkeit gut halten kann, dauert die Überfahrt rund 2,5 Stunden.

Abfahrt in Milwaukee © Andrea Bonder

„Rund ein Drittel unserer Fahrgäste sind Reisende aus dem Ausland, allen voran aus Deutschland und Kanada“, berichtet Aaron Schulz, Senior Vice President von Lake Express. „Ein weiteres Drittel sind Amerikaner aus weiter entfernten Bundesstaaten, darunter auch Langstreckenfahrer aus New York oder Kalifornien.“ Und aus der Region möchten sich viele die 450 Kilometer lange Autofahrt um den südlichen Teil des Michigan-Sees „ersparen“, vor allem wegen der Verkehrsstaus im Großraum Chicago. Das sind zum einen Mitarbeiter von Unternehmen auf beiden Seiten des Sees, aber auch Urlauber: Touristen aus Illinois und Wisconsin fahren rüber an die Strände Michigans, während die „Michigander“ zu den Festivals von Milwaukee anreisen. Sogar Tagestrips sind machbar. Ab 6 Uhr morgens fährt die Fähre nämlich viermal täglich über den See, in den Sommermonaten zusätzlich abends um 19 Uhr und 23 Uhr.

Zwischen Anfang Mai und Ende Oktober kommt das Schiff damit auf rund 800 Überfahrten pro Saison. Seit dem Start der Verbindung im Jahr 2004 dürfte der „Lake Express“ weit über Zehntausend Mal über den Michigan-See gefahren sein. Das Schiff ist die erste Hochgeschwindigkeitsfähre für Passagiere und Fahrzeuge, die auf dem US-Festland im Einsatz ist. Es wurde eigens für die Bedürfnisse dieser Strecke konzipiert und 2003 von der australisch-amerikanischen Werft „Austral“ in Mobile, Alabama, im Süden der USA gebaut. Der Katamaran ist 59 Meter lang, hat einen Tiefgang von nur 2,4 Metern und wird von vier 3.000 PS-Dieselmotoren angetrieben. Der Rumpf ist aus Aluminium und nicht wintertauglich. Bevor die Häfen zufrieren, wird der Katamaran mitten durch Milwaukee über den Milwaukee und den Menomonee River manövriert, wo er an einem frostsicheren Platz überwintert.

Lake Express Premiumkabine © Andrea Bonder

Die Überfahrt verläuft sanft und angenehm. Bei leichtem Schaukeln und leisem Brummen nicken einige Passagiere in ihren Sitzen ein. Auf den Monitoren kann man die Position des Schiffes verfolgen und sehen, wer sonst noch auf dem Wasser unterwegs ist. „Auf dem Michigan-See fahren große Frachter mit Schüttgut, wie Dünger, Zement, Salz oder Eisenerz“, weiß Kapitän Joshua Freimark. Von der Brücke blicken er und sein zweiköpfiges Team auf die Weite des Wassers und auf diverse Überwachungsmonitore. Auf dem Bildschirm sieht man Fischtrawler, Schlepper und Forschungsschiffe. „Vor der Küste von Michigan tummeln sich natürlich viele Segelboote und Sportfischer.“ Dort tauchen auch Möwen und Kormorane auf, und an der Einfahrt von Muskegon nisten Schwäne.

Lake Express erreicht Muskegon © Andrea Bonder

Eine Schiffsverbindung zwischen Milwaukee und Muskegon existierte bereits im letzten Jahrhundert, erzählt Joshua Freimark. Zwischen 1941 und 1970 verkehrte das 1904 gebaute Dampfschiff „SS Milwaukee Clipper“ auf dieser Route und bot Platz für 900 Passagiere und 120 Autos. Die Geschwindigkeit und die Art zu Reisen waren allerdings eine völlig andere. Die “Queen of the Great Lakes” bot klimatisierte Kabinen, Kino, Restaurants und eine Disko mit Live-Band. Heute liegt das Schiff nahe der Anlegestelle in Muskegon und kann dort besichtigt werden.

Früher befuhren viele Kreuzfahrtschiffe die Großen Seen. Bereits in den 1840er Jahren waren über 100 Dampfschiffe im Einsatz, darunter luxuriöse „Palast-Dampfer“ mit Tanzsälen, die noch zur Jahrhundertwende von Chicago nach Milwaukee, Detroit, Cleveland, Buffalo und Toronto fuhren. Heute sind Kreuzfahrten auf den Großen Seen eine Seltenheit geworden, und auch auf dem Michigan-See gibt es nur noch zwei Fährrouten: Neben dem „Lake Express“ verkehrt weiter nördlich eine Autofähre, die in 4 Stunden Fahrtzeit Ludington (Michigan) mit Manitowoc (Wisconsin) verbindet.

Ankunft in Muskegon © Andrea Bonder

Schon kommt die Küste von Michigan in Sicht, mit grün bewachsenen Sanddünen und Stränden, soweit das Auge reicht. Der Kapitän verlangsamt das Schiff, und viele Passagiere gehen nach oben auf das Sonnendeck. Am roten Leuchtturm geht es in den Kanal, vorbei an einer Umweltforschungsstation, dem Museums-U-Boot, der Strandpromenade und schicken Ferienhäusern. Dann öffnet sich das Wasser zu einem großen Naturhafen, umrahmt von Sanddünen und kleinen Jachthäfen.

Nun begeben sich alle zu den Fahrzeugen, und schon kurze Zeit später legt der „Lake Express“ an. Der eine oder andere schaut nun verblüfft auf die Uhr und wundert sich über die örtliche Ankunftszeit. Denn sie haben soeben nicht nur den Michigan-See, sondern auch eine Zeitzone überquert: In Wisconsin gilt die „Central Time Zone“, während es im südlichen Teil von Michigan in der „Eastern Time Zone“ bereits eine Stunde später ist.

Tipps für Milwaukee & Wisconsin

Der Anleger liegt 5 Kilometer südlich der Innenstadt von Milwaukee. Sehenswürdigkeiten sind das Art Museum mit seinem markanten Segeldach, das Harley-Davidson-Museum, das Pabst Mansion, der Public Market und der Riverwalk. In historischen Stadtvierteln wie Third Ward, Walkers Point oder Westown gibt es Dutzende traditionelle und hippe junge Brauereien. Südwestlich liegt der malerische Lake Geneva (80 Kilometer). 90 Kilometer die Küste hinauf liegt der Spa-Ort Kohler. Wisconsins Hauptstadt Madison ist 130 Kilometer entfernt, Chicago und Rockford 150 Kilometer.

Tipps für Muskegon & Michigan

Muskegon liegt zentral an der Westküste von Michigan. Die Urlaubsregion lockt mit zahlreichen Badestränden, Urlaubsorten, State Parks und Weingebieten. Beliebt sind Outdooraktivitäten auf dem Wasser – Schwimmen, Bootfahren, Kitesurfen, SUP, Tubing, etc. – und an Land, vor allem Radfahren und Wandern. Nächste Strandorte sind Grand Haven (25 Kilometer), Saugatuck/Douglas (80 Kilometer) sowie South Haven und Ludington (100 Kilometer). Gut 60 Kilometer entfernt liegen Holland und Grand Rapids. Im Städtchen Holland gibt es eine Original Windmühle und ein Tulpenfest mit Millionen Blumen. Grand Rapids ist Michigans zweitgrößte Stadt. Sehenswert sind die Frederick Meijer Gardens, das Gerald R. Ford-Museum (Präsident), der Zoo und das Meyer May House von Frank Lloyd Wright.

Information zum Lake Express

Das Schiff verkehrt vier- bis-sechsmal täglich. Abfahrt in Milwaukee ist um 6 Uhr, 12.30 Uhr und im Sommer zusätzlich um 19 Uhr, in Muskegon um 10.15 Uhr, 16.45 Uhr und im Sommer zusätzlich um 23 Uhr (jeweils Ortszeit).

Fähranleger in Milwaukee: 2330 S. Lincoln Memorial Drive, Milwaukee, WI 53207
Fähranleger in Muskegon: 1918 Lakeshore Drive, Muskegon, MI 49441

Information und Buchung unter 001-866-914-1010 oder www.lake-express.com

Die Reise wurde unterstützt von Lake Express. Die Meinung der Autorin hat dies nicht beeinflusst.