Stuttgart, 19.01.2026 (lifePR) – Zum Gedenken an den ersten Vertriebenenzug, der 1946 Göppingen erreichte, legte die Sudetendeutsche Landsmannschaft im Beisein der Landtagsabgeordneten Sarah Schweizer und des Landesvorsitzender der Union der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten (UdVA), Christoph Zalder, am Mahnmal der Heimatvertriebenen in der Mörikeanlage einen Kranz nieder.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs, oftmals als Stunde Null bezeichnet, gilt als Stunde des Neuanfangs. Für die Sudetendeutschen jedoch begann im Mai 1945 eine neue Leidenszeit. Mit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes setzte nicht Frieden ein, sondern Entrechtung, Gewalt und schließlich Vertreibung. Dieses Kapitel gehört untrennbar zur europäischen Nachkriegsgeschichte – und es betrifft Baden-Württemberg unmittelbar.
Gewalt nach dem Waffenstillstand: Die „wilden Vertreibungen“
2,5 bis 3 Millionen Deutsche wurden nach Kriegsende aus der Tschechoslowakei vertrieben. Bereits 1945 kam es zu den sogenannten „wilden Vertreibungen“: Menschen wurden aus ihren Wohnungen geholt, öffentlich misshandelt, enteignet oder auf Todesmärsche geschickt. Zeitzeugen berichten von nächtlichen Räumungen, von Schlägen auf offener Straße, von Vergewaltigungen, von Hunger und Erschöpfung. Familien wurden getrennt, viele überlebten die ersten Monate nicht.Diese Gewalt geschah nicht im rechtsfreien Raum der letzten Kriegstage, sondern nach dem Waffenstillstand. Erst die Potsdamer Konferenz Mitte Juli 1945 schuf einen formalen Rahmen für die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus Böhmen und Mähren. Der alliierte Anspruch einer „ordnungsgemäßen und humanen“ Durchführung, festgehalten im Artikel XII des Protokolls, stand jedoch in starkem Gegensatz zur Realität.
Organisierte Transporte: Der Weg nach Baden und Württemberg
Ab Januar 1946 begann diese Phase der organisierten Vertreibung. Nun rollten systematisch zusammengestellte Transporte aus Sammellagern in der Tschechoslowakei Richtung Westen. Güterzüge, häufig überfüllt und notdürftig versorgt, brachten Familien in die errichteten Besatzungszonen – in großer Zahl nach Baden und Württemberg.
Nach den Aufzeichnungen von Wilhelm Jun trafen allein im Jahr 1946 insgesamt 365 Transporte mit 367.672 Menschen im heutigen Baden-Württemberg ein. Diese Züge erreichten 25 Städte und Gemeinden des Landes. Besonders viele Ankünfte verzeichneten Ulm (38 Transporte, 29.634 Personen), Göppingen (33 Transporte, 31.970 Personen), Aalen (31 Transporte, 32.727 Personen) und Schwäbisch Gmünd (28 Transporte, 31.136 Personen). Auch Karlsruhe, Heidelberg, Esslingen, Stuttgart oder Waiblingen wurden zu Zielorten dieser Zwangsmigration.
Baden-Württemberg als eines der wichtigsten Aufnahmeländer
Damit wurde Baden-Württemberg zu einem der wichtigsten Aufnahmeländer für Sudetendeutsche überhaupt. Die Kommunen standen vor Aufgaben, die kaum zu bewältigen schienen: zerstörte Städte, Wohnraummangel, Lebensmittelknappheit, eine Bevölkerung selbst gezeichnet von Krieg und Verlust. Und dennoch gelang Aufnahme. Nicht reibungslos, nicht konfliktfrei – aber dauerhaft.
Die Vertriebenen blieben. Sie arbeiteten, gründeten Betriebe, bauten Häuser, Vereine und Kirchengemeinden auf. Sie prägten das wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Leben des Landes nachhaltig. Baden-Württemberg ist ohne diesen Beitrag nicht denkbar.
Vertreibung bleibt Unrecht – auch im historischen Rückblick
Doch Integration allein genügt nicht als historische Bilanz. Vertreibung bleibt Unrecht – unabhängig von ihrem administrativen Ablauf. Oder, wie es der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog formulierte "Kein Unrecht, und mag es noch so groß gewesen sein, rechtfertigt anderes Unrecht. Verbrechen sind auch dann Verbrechen, wenn ihm andere Verbrechen vorausgegangen sind.”Diese Klarheit ist notwendig – auch 80 Jahre später. Nicht zur Schuldzuweisung, sondern zur historischen Ehrlichkeit.
Vom Erinnern zum Gestalten: Verantwortung heute
Gleichzeitig haben die Sudetendeutschen bewusst einen Weg gewählt, der über die Vergangenheit hinausführt.„Unsere Volksgruppe blickt zurück auf die Heimat, richtet ihren Blick aber ebenso fest in die Gegenwart und Zukunft unseres Landes und des europäischen Zusammenlebens“, sagt Klaus Hoffmann, Landesobmann der Sudetendeutschen in Baden-Württemberg. Dieser Satz beschreibt den Wandel vom Opferstatus zur Verantwortung: erinnern, ohne zu verhärten; gestalten, ohne zu vergessen.
Brückenbauer zwischen Deutschland und Tschechien
Heute verstehen sich die Sudetendeutschen als Brückenbauer zwischen Deutschland und Tschechien. Patenschaften, Städtepartnerschaften und zivilgesellschaftliche Kontakte sind Ausdruck dieser Haltung. Ein besonders starkes Zeichen dieser Entwicklung ist die Einladung zum Sudetendeutschen Tag 2026 nach Brünn, ausgesprochen von der Initiative Meeting Brno. Aus jener Stadt, von der einst Vertreibung und Leid ausgingen, kommt heute ein bewusstes Angebot zur gemeinsamen Erinnerung.
Erinnerungsort mit Verantwortung
Dass Brünn einlädt, ist kein Schlussstrich. Es ist ein Fortschritt.
Und es zeigt: Geschichte trennt nur dort dauerhaft, wo man ihr ausweicht. Baden-Württemberg war 1946 Ankunftsort von Hunderttausenden. Heute ist es auch Erinnerungsort – und damit in besonderer Verantwortung.