Entdeckungen im Punjab

von Philipp Höhnel

Der Goldenen Tempel von Amritsar

Der Goldenen Tempel von Amritsar © P. Höhnel

Nach sechs Stunden Fahrt mit dem Linienbus durch die monsun-grünen Wälder Himachal Pradeshs ist es geschafft: Ich bin in Amritsar, im Bundesstaat Punjab. Die Zeit als Lehrer ist vorbei und so mache ich mich auf, die Einzigartigkeit Indiens zu erkunden.

Mein vorläufiger Plan: Richtung Süden nach Rajasthan, um dort die große Wüste Thar zu besichtigen. Doch da es von Dharamsala aus keine Zugverbindung gibt, bin ich zuerst für ein paar Tage nach Amritsar gekommen, um mich dort bei der Gelgenheit auch noch ein wenig umzusehen. Mein erster Eindruck ist die Hitze und noch viel mehr der mangelnde Regen. In den letzten Wochen hatte ich mich so an den ständigen Regenfall gewöhnt, dass er mir kaum noch aufgefallen war – anders hätte es sich kaum aushalten lassen.

Kontraste der Großstadt

Meine erste Station ist ein kleines Guesthouse, wo ich mein gesammeltes Gepäck ablade. Es ist mehr als dreimal so teuer wie meine bisherige Bleibe, doch auch nach langem Verhandeln lässt sich nichts Billigeres finden – in der Großstadt ist es preislich doch noch einmal etwas anders als in einem Bergdorf wie Bhagsu.

Nach einer kurzen Pause mache ich mich auf zum berühmtesten Bauwerk Amritsars: Dem Goldenem Tempel. Nachdem ich meine Schuhe abgegeben und meinen Kopf mit einem Tuch bedeckt habe, werde ich eingelassen in den großen Komplex und bin zutiefst beeindruckt. In der Mitte eines kleines quadratischen Sees erblicke ich das über und über vergoldete Heiligtum, umgeben von Scharen an Pilgern und Gläubigen, die zu Gebeten nieder knien. Es sind Angehörige der vor allem in Punjab verbreiteten Sikh Religion, die vor allem für ihre Gastfreundschaft bekannt sind: Rund um die Uhr gibt es kostenfreie Speisungen am Tempel sowie Unterkünfte für bis zu drei Nächte – alles finanziert durch Spenden der Gläubigen.

Grenzschließungs-Zeremonie

Schwer bewachte indisch pakistanische Grenzschließungszeremonie © Philipp Höhnel

Am folgenden Abend wartet bereits das nächste Schauspiel auf mich: Die Grenzschließungs-Zeremonie am nahe gelegenen Grenzübergang zu Pakistan. Mit dem Taxi geht es zum Ort des Geschehens, wo erst einmal alle Rucksäcke und Taschen abgegeben werden müssen und jeder Besucher einzeln von oben bis unten durchsucht wird – in einer so umstrittenen Region sind die Sicherheitskräfte in ständiger Angst vor Anschlägen. Durch dieses langwierige Prozedere dauert es eine Weile bis ich die Tribüne erreiche, gerade noch rechtzeitig bevor das Schauspiel beginnt.

Es ist eine äußerst kuriose Szenerie: Die Straße, die Indien und Pakistan verbindet, wird durch die Grenztore gesperrt. Auf beiden Seiten der Grenze befinden sich große Tribünen, die zum bersten mit Vertretern der jeweiligen Nation gefüllt sind. Beide Seiten haben riesige Verstärker-Anlagen aufgebaut, und scheinen zu konkurrieren, wer die eigenen patriotischen Lieder lauter spielen kann. Dazu wird getanzt, es werden Fahnen geschwenkt und in fast bis zur Albernheit übertriebener Manier exerzieren die bunt dekorierten Garde-Soldaten vor den Toren. Dazu gibt es einen Entertainer, der die Menge aufheizt und Parolen vorgibt, was bald dazu führt, dass das Gegröle der Masse an ein vollbesetztes Fußballstadion beim Endspiel erinnert.

Zum Abschluss werden langsam die beiden Nationalflaggen herabgelassen, sehr langsam und mit großer Vorsicht, so dass die eigene unter keinen Umständen tiefer als die des Nachbarlandes hängt. Ein letztes Mal werden die Grenztore geöffnet, nur um sie dann gleichzeitig und kraftvoll wieder zuzuschlagen, als ob es gelte, die Endgültigkeit des Aktes zu unterstreichen.

Im Labyrinth von Amritsar

Gasse in Amritsar

Gasse in Amritsar © Philipp Höhnel

Den darauf folgenden Tag verbringe ich mit einer Stadterkundung. Während ich durch die kleinen Gassen streife, erschließt sich mir eine unglaubliche Fülle an verschiedenen Eindrücken: Fahrradrikschas, die gut gekleidete Inder durch die Gegend kutschieren, Händler, die ungeduldig auf die nächste Ladung Textilien warten, handgemachte Schals, die es hier im Überfluss zu erstehen gibt und wie überall in Indien die vielen bettelnden Kinder und alten Leute am Straßenrand. In dem Labyrinth aus Straßen, Gassen und großen Häuserblocks bin ich mehr als dankbar für meinen Orientierungssinn, denn es ist wirklich nicht leicht sich nicht ständig zu verlaufen.

Der größte Unterschied zu meinen bisherigen Erfahrungen ist jedoch die Verschmutzung. Während Dharamsala eine eher kleine Stadt ist, und vor allem McLeod Ganj von vielen umweltbewussten Menschen bevölkert wird, so ist Amritsar die typische indische Großstadt – dreckig, vermüllt, und die Luft voller Abgase. Kein Wunder also dass viele Menschen hier ständig Mund und Nase mit Schals verdecken, oder gleich das ganze Gesicht verhüllen, um vor Sonne und Verschmutzung geschützt zu sein.

Nun habe ich bald genug gesehen und werde wohl demnächst weiter ziehen, weiter nach Süden. Es heißt also Abschied nehmen von der berühmten Stadt mit dem noch berühmteren Tempel, die mir vor allem durch ihre Gastfreundschaft in Erinnerung bleiben werden.


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